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EPD & PCF verstehen: Wie man Materialien wirklich nachhaltig bewertet

Autorenbild: Mathilde Adler
Mathilde Adler
30. Sept.
4 Min. Lesezeit

Nachhaltigkeit im Bauwesen und im Ladenbau ist 2026 kein Marketing-Slogan mehr, sondern eine messbare Größe. Doch wer heute Materialdatenblätter vergleicht, sieht sich mit einer Flut an Kennzahlen konfrontiert: GWP, EPD, PCF, LCA, Cradle-to-Gate. Die Gefahr, sich in diesen Akronyme zu verlieren oder auf irreführende „Klima-neutral"-Versprechen hereinzufallen, ist groß.


Um Materialien wirklich nachhaltig zu bewerten, müssen zwei Instrumente verstanden und korrekt eingesetzt werden: die EPD (Environmental Product Declaration) und der PCF (Product Carbon Footprint). Beide sind wichtig, erfüllen aber unterschiedliche Zwecke. Dieser Artikel schafft Klarheit und zeigt, wie Sie diese Tools nutzen, um fundierte Entscheidungen zu treffen und Greenwashing zu entlarven.



Zwei Personen arbeiten am Tisch mit Laptop und Tablet; eine Hand zeigt auf den Laptop, daneben ein kleiner Topf mit Pflanze.


1. Der PCF (Product Carbon Footprint): Der Fokus auf das Klima


Der Product Carbon Footprint (auch CO₂-Fußabdruck) ist die bekannteste Kennzahl. Er beziffert ausschließlich die Treibhausgasemissionen, die während des Lebenszyklus eines Produkts entstehen.

Was wird gemessen? Alle Emissionen von Treibhausgasen (nicht nur CO₂, auch Methan, Lachgas etc.), umgerechnet in CO₂-Äquivalente (CO₂e).


Die Systemgrenzen: Hier liegt oft der Haken. Ein PCF kann sich nur auf die Herstellung beziehen (Cradle-to-Gate: von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor) oder den gesamten Lebensweg inklusive Nutzung und Entsorgung (Cradle-to-Grave) umfassen. Für Bauprodukte ist meist Cradle-to-Gate relevant.


Stärke: Der PCF ist hervorragend geeignet, um schnell die Klimawirkung verschiedener Produkte zu vergleichen (z. B. „Welcher Bodenbelag verursacht weniger CO₂ bei der Herstellung?“). Er ist die Basis für die Klimaberichterstattung von Unternehmen (CSRD).


Schwäche: Der PCF ist eine Einzelkennzahl. Er sagt nichts über andere Umweltprobleme aus. Ein Material kann einen niedrigen CO₂-Fußabdruck haben, aber dafür extrem viel Wasser verbrauchen, die Ozonschicht schädigen oder hochtoxische Abfälle produzieren. Wer sich nur auf den PCF verlässt, betreibt möglicherweise „Problemverlagerung“.



2. Die EPD (Environmental Product Declaration): Der ganzheitliche Gesundheitscheck


Die Umweltproduktdeklaration (EPD) ist das umfassendere Instrument. Sie ist ein standardisiertes Dokument (Typ-III-Umweltdeklaration nach ISO 14025 und EN 15804), das die Ergebnisse einer vollständigen Ökobilanz (LCA – Life Cycle Assessment) zusammenfasst.

Was wird gemessen? Die EPD betrachtet multiple Umweltwirkungskategorien.


Neben dem Treibhauspotenzial (GWP – das ist der PCF-Wert) werden z. B. auch bewertet:

  • Ozonabbau-Potenzial (ODP)

  • Versauerungspotenzial von Böden und Gewässern (AP)

  • Eutrophierungspotenzial (Überdüngung) (EP)

  • Abbau-Potenzial der Ozonschicht (POCP)

  • Verbrauch von erneuerbaren und nicht-erneuerbaren Ressourcen

  • Wasserverbrauch


Die Verifizierung: Der entscheidende Unterschied zum oft selbstberechneten PCF ist die Pflicht zur externen Prüfung. Eine EPD muss von einer unabhängigen, akkreditierten Stelle verifiziert werden. Das garantiert die Datenqualität und Vergleichbarkeit.


Gültigkeit: EPDs sind in der Regel 5 Jahre gültig und werden in öffentlichen Datenbanken (z. B. vom Institut Bauen und Umwelt e.V. (IBU) in Deutschland) hinterlegt.


Stärke: Die EPD liefert ein vollständiges Umweltprofil. Sie verhindert, dass ein Produkt als „nachhaltig“ gelobt wird, obwohl es in anderen Kategorien massive Schäden verursacht. Sie ist der Goldstandard für die Zertifizierung von Gebäuden (z. B. DGNB, LEED, BREEAM).


Rechtlicher Status 2026: Durch die novellierte EU-Bauproduktenverordnung (CPR) werden EPDs für viele Produktgruppen im Baubereich schrittweise zur Pflicht oder zumindest zur erwarteten Norm für die öffentliche Beschaffung.



3. Der direkte Vergleich: Wann nutze ich was?




4. Praxis-Check: So bewerten Sie Materialien wirklich nachhaltig


Um Greenwashing zu vermeiden und echte Nachhaltigkeit zu fördern, sollten Sie im Jahr 2026 folgende Strategie anwenden:


Fordern Sie immer eine EPD an: Wenn ein Hersteller nur mit einem „klimaneutral"-Siegel oder einem isolierten PCF-Wert wirbt, aber keine EPD vorlegen kann, ist Vorsicht geboten. Oft werden hier nur Teile des Lebenszyklus betrachtet oder Kompensationen (Zertifikatekauf) über reale Einsparungen gestellt. Eine EPD zeigt die rohen, unverfälschten Daten.


Prüfen Sie die Systemgrenzen: Achten Sie in der EPD darauf, welche Module abgedeckt sind. Für den Ladenbau sind die Module A1–A3 (Herstellung) entscheidend, aber auch C3/C4 (Entsorgung/Recycling) geben Aufschluss über die Kreislauffähigkeit. Ein Material, das sich nicht recyceln lässt, hat in Modul C oft hohe Lasten.


Vergleichen Sie funktionale Einheiten: Ein Vergleich ist nur fair, wenn die Basis stimmt. Vergleichen Sie nicht „pro Kilogramm Material", sondern „pro Quadratmeter bei gleicher Funktion und Lebensdauer". Ein langlebiger Boden (20 Jahre) kann trotz höherem initialem PCF nachhaltiger sein als ein billiger Belag, der alle 5 Jahre getauscht werden muss.


Nutzen Sie den PCF als Filter, die EPD als Entscheidung: Sie können den PCF (Modul GWP in der EPD) nutzen, um eine Vorauswahl zu treffen (z. B. die 3 klimafreundlichsten Optionen). Die finale Entscheidung sollte dann aber auf Basis der gesamten EPD getroffen werden, um negative Effekte in anderen Kategorien (z. B. Toxizität) auszuschließen.



Frau rechnet am Holztisch mit Taschenrechner und Bleistift, umgeben von Finanzcharts, Laptop und Berichten im Büro.


5. Ausblick: Der Digitale Produktpass (DPP)


Blickt man über 2026 hinaus, wird die Bedeutung dieser Daten noch zunehmen. Der kommende Digitale Produktpass (DPP) der EU wird die Daten aus EPD und PCF digital zugänglich machen und direkt am Produkt (z. B. via QR-Code) verknüpfen. Wer heute lernt, EPDs und PCFs zu lesen und zu fordern, ist bestens gerüstet für eine Zukunft, in der Transparenz nicht verhandelbar ist.



Nachhaltigkeit ist mehr als nur CO₂. Der PCF ist ein wichtiges Thermometer für die Klimawirkung, aber die EPD ist der vollständige medizinische Check-up für ein Bauprodukt. Um Materialien wirklich nachhaltig zu bewerten, Greenwashing zu vermeiden und den kommenden regulatorischen Anforderungen (wie der EU-Bauproduktenverordnung) zu genügen, führt kein Weg an der EPD vorbei. Forden Sie sie aktiv ein, prüfen Sie die verifizierten Daten und treffen Sie Ihre Entscheidungen auf einer faktenbasierten, ganzheitlichen Grundlage. Nur so wird Bauen zukunftsfähig.


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Quellen: Die Informationen basieren auf den aktuellen internationalen Normen und den Vorgaben der Europäischen Union für das Bauwesen:

Normen: ISO 14025 (Umweltdeklarationen Typ III), ISO 14067 (Carbon Footprint von Produkten), EN 15804 (Nachhaltigkeit von Bauwerken – Umweltdeklarationen von Bauprodukten).

Gesetzgebung: EU-Bauproduktenverordnung (CPR) – Novellierung 2024/2025 mit schrittweiser Einführung von Umweltdeklarationspflichten.

Institutionen: Institut Bauen und Umwelt e.V. (IBU) (Führender Herausgeber von EPDs in Deutschland), Umweltbundesamt (UBA), DIN Deutsches Institut für Normung.

Fachliteratur: Publikationen von Fraunhofer IBP, Kiwa, myclimate und ThyssenKrupp zur Anwendung von LCA, EPD und PCF in der Praxis.

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